Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen

DFG-Graduiertenkolleg 2190

Call for Papers: Krise und Kleinformat. Von der Institutionskritik zur politischen Mobilisierung (1918—1933)

Call for Papers: Krise und Kleinformat. Von der Institutionskritik zur politischen Mobilisierung (1918—1933)

Interdisziplinärer Workshop des DFG-Graduiertenkollegs 2190 „Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen“, Institut für deutsche Literatur, Humboldt-Universität zu Berlin

16.–18. September 2021, Berlin

Keynote von Prof. Dr. Helmut Lethen und Intensiv-Sessions mit Prof. Dr. Bettine Menke, Prof. Dr. Daniel Siemens und Prof. Dr. Thomas Wegmann

Organisiert von Caroline Adler, Maddalena Casarini und Daphne Weber

„All the News in Sixty Seconds“ versprach der Begründer des Daily Mirror, Alfred Harmsworth, als er die Boulevardzeitung (engl. „Tabloid“) The Daily Time-Saver 1901 auf den Markt brachte. Nicht länger als 250 Wörter sollte jeder Artikel sein; ein Konzept, das Harmsworth mit der Metapher des Tabloids veranschaulichte: „By my system of condensed or tabloid journalism hundreds of working hours can be saved each year“. Dabei war der Begriff Tabloid zuallererst weniger als journalistisches Format, sondern vielmehr als Produkt der Pharmaindustrie entstanden: Aus der Verschmelzung von tablet und alkaloid stammte das Wort, mit dem 1884 eine Werbekampagne für Medikamente in Form von Pillen startete.

Kurze Sensationsmeldungen als kleine, aber wirkungsvolle Pillen zu bezeichnen, prägte maßgeblich  die Boulevardpresse, die in der Zwischenkriegszeit auch in Deutschland den Markt eroberte: Der Journalismus nahm industrialisierte, verknappte, günstige und beschleunigende Formate an. Beruhigend und anregend zugleich wirkten die illustrierten ‚Sensationspillen’ der Boulevardzeitungen auf das kollektive Gefühl der Krise und Unsicherheit, das mit der wirtschaftlichen und institutionellen Instabilität der Weimarer Republik einherging.

Die Semantiken des ‚Umbruchs’ und des ‚Krisenhaften’ durchdringen in den Zwischenkriegsjahren verschiedenste Bereiche des öffentlichen Diskurses und beziehen sich nicht nur auf Werte- und Sittlichkeitsvorstellungen, Geschlechterordnungen, nationale (1923) und globale (1929) Wirtschaft, politische und juristische Institutionen, sondern auch auf Möglichkeiten der Sagbarkeit und Darstellbarkeit einer fragmentierten und beschleunigten Moderne. Innerhalb dieser Zeit wurden insbesondere solche kleinen Formen und Formate attraktiv, die zum einen durch ihre normierende sowie normalisierende Starrheit und Stabilität dem Versuch der Konsolidierung, Positionierung oder Entscheidungsfindung dienten, zum anderen durch ihre Agilität und Zirkulationsfähigkeit Beteiligungsmöglichkeiten, politische Wirksamkeit und öffentliche Resonanz versprachen. Während die Produktion und Distribution von Kleinformaten von standardisierten Prozessen abhängen (die sowohl die Herstellung von Konsumgütern als auch ästhetischer Artefakte bestimmen), weisen sie in ihren Gebrauchsroutinen oftmals über ihre formale Bestimmung hinaus.

Im Zentrum des Workshops stehen gerade jene kleinen Formen und Formate innerhalb verschiedener medialer Konstellationen (Druckerzeugnisse, Fotografie, Radio, Film), die in den Krisenjahren der Zwischenkriegszeit nicht nur stabilisierend oder berauschend wirkten, sondern vielmehr politische Gestaltungsmöglichkeiten boten oder zum Zweck der Steuerung öffentlicher Meinung eingesetzt wurden.

Als Orte ihres Auftretens lassen sich in den Krisenzeiten 1918–1933 drei paradigmatische Schauplätze ausmachen:

  1. Kleine Formen und Formate der Wirtschaftskrise. Inflation, industrielle Optimierung und Rationalisierung der Produktion und nicht zuletzt der Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt zeitigen einschneidende wirtschaftliche und soziale Spannungen und Umbrüche. Dabei entstehen publizistische Formen, die Arbeits- und Freizeitmodelle formatieren, als auch neue Lebensstil-Typen entwerfen, die sich dem neuen Arbeits- und Freizeitleben anpassen (z.B. der Typus ‘Neue Frau’, Reklame). Zugleich verbreiten sich Kleinformate (z.B. politisches Propagandamaterial, Lehrmaterial), die sich als besonders geeignet für die Mobilisierung gegen die verschärften kapitalistischen Verhältnisse erweisen.
  2. Kleine Formen und Formate der institutionellen Krise. Das Vertrauen in Institutionen wie Gericht, Parlament, Verwaltung oder Verfassung, die gerade krisenhafte Zustände bewältigen sollten, gerät selbst in die Krise (wie beispielsweise die Vertrauenskrise der Justiz 1926–1928). Die öffentliche, massenmediale Beobachtung und Bewertung dieser Einrichtungen in publizistischen Kleinformaten wirkt entweder entlastend, stabilisierend oder zersetzend (z.B. Sensationsmeldungen, kurze Gerichtsberichte, Propagandamaterial).
  3. Kleine Formen und Formate der Erfahrungskrise. Der urbane und öffentliche Raum der Metropole gilt als privilegierter Ort moderner Erfahrung und ihrer Fragmentierung. In Feuilleton und Literaturbetrieb aber auch der Filmindustrie entstehen Formate, die im Rückgriff auf Verfahren der Fragmentierung und Montage die Erfahrungskrise und die damit einhergehenden Zerwürfnisse des Sozialen und Politischen im Verhältnis zu ihrer urbanen Umwelt abbilden und reflektieren (z.B. Feuilleton und faits divers, statistisches Material, Graphiken, Städtebild).

Die Beiträge können Bezug auf einen der drei genannten Schauplätze nehmen und darüber hinaus die folgenden Aspekte reflektieren:

  • Materielle und technische Bedingungen der Produktion und Zirkulation von Kleinformaten, die damit verbundenen Infrastrukturen (z.B. Telegrafie, Rohrpost, Papierindustrie) und ihre institutionellen, politischen oder juristischen Voraussetzungen (z.B. Publizität der Justiz, Pressefreiheit, transnationale Abkommen, Wahlrecht)
  • Ästhetische Operationen und Verfahren, die an die Entwicklung bestimmter kleiner Formen und Formate gekoppelt sind (z.B. Verdichtung, Typisierung, Rhythmisierung)
  • Wissenstransfer und Konstruktion von politischen und intellektuellen Netzwerken in und durch Kleinformate
  • Konstruktion und Information von Publika/Audiences durch und in unterschiedlichen Formaten, ihr Anteil an der Organisation, Mobilisierung oder Stabilisierung kollektiver Haltungen und Handlungen

Wir freuen uns über Einreichungen aus allen Disziplinen und bitten um Abstracts (max.  500 Wörter) für Kurzbeiträge von 20 Minuten und einen kurzen Lebenslauf als pdf bis zum 18.06.2021 an kleinformate.idl@hu-berlin.de

Abstracts können in deutscher oder in englischer Sprache eingereicht werden. Ein passives Verständnis beider Sprachen wird vorausgesetzt.

Der dreitägige Workshop beinhaltet neben den einzelnen Präsentationen Intensiv-Sitzungen mit Prof. Dr. Bettine Menke (Universität Erfurt), Prof. Dr. Daniel Siemens (Newcastle University), Prof. Dr. Thomas Wegmann (Universität Innsbruck), sowie einen öffentlichen Abendvortrag von Prof. Dr. Helmut Lethen.

Reise- und Übernachtungskosten werden übernommen. Der Ort der Veranstaltung ist barrierefrei. Geplant ist der Workshop derzeit als Präsenzveranstaltung unter Einhaltung der erforderlichen Corona-Schutzmaßnahmen. Wir verfolgen die aktuellen Entwicklungen und informieren rechtzeitig über ggfs. notwendige Änderungen des Veranstaltungsformats.

Organisation und Kontakt:

kleinformate.idl[at]hu-berlin.de

Caroline Adler, Maddalena Casarini, Daphne Weber

PDF des CfP

← zurück