Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen

DFG-Graduiertenkolleg 2190

CfP: Small Critics – Transmediale Konzepte feuilletonistischer Schreibweisen der Gegenwart

CfP: Small Critics – Transmediale Konzepte feuilletonistischer Schreibweisen der Gegenwart

Hg. v. Oliver Ruf u. Christoph H. Winter Würzburg: Königshausen & Neumann, 2021.
Einsendeschluss eines Abstracts mit Beitragstitel: 30.04.2020

Reihe: Mikrographien / Mikrokosmen. Kultur-, literatur- und medienwissenschaftliche Studien; Band 3)

Call for Papers:

Die grundlegende Transformation journalistischer Tätigkeit durch Prozesse der Digitalisierung betrifft in besonderem Maße die Spielarten und Schreibweisen feuilletonistischer Berichterstattung. Entsprechende Beobachtungen lauten: Es gibt keine Tages- oder Wochenzeitung mehr, die nicht eine eigene Webseite anbietet, auf der (mehr oder weniger unabhängig von den Printausgaben der jeweiligen Periodika) Texte genauso veröffentlicht werden wie Audio- und Videobeiträge, die – einmal online gestellt – in die Sozialen Netzwerke (allen voran Twitter, Facebook und Instagram) einzuspeisen sind, um dort ihrerseits kommentiert, weitergeleitet und bewertet zu werden. Unlängst stellte etwa die Publizistin Samira El Ouassil im DLFKultur-Podcast Lakonisch Elegant fest, dass Feuilleton-Debatten immer mehr dem »Marvel-Universum« gleichen: Es genüge nicht mehr, nur die Printausgaben von FAZ, Süddeutscher Zeitung und ZEIT zu lesen; vielmehr müssten Leserinnen und Leser, wollten sie beispielsweise die Debatte um die Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke verfolgen, zusätzlich rezipieren, was z.B. Saša Stanišić auf Twitter oder Claudius Seidl auf Facebook dazu ausführen.

Feuilletonistische Kommunikation entwirft sich denn auch, so die These des hiermit ausgeschriebenen Bandes, zunehmend als dynamische, sich fortwährend aktualisierende und transmedial angelegte Textur, die die klassische Printzeitung genauso miteinbezieht wie die verschiedenartigen Beiträge jener Zeitungen auf deren Websites und Social Media-Kanälen. Dort werden diese wiederum von mehr oder weniger professionellen Kommentatorinnen und Kommentatoren bemerkenswert weitergeschrieben. Dabei ist eine derartige Texturhaftigkeit gegenwärtiger Feuilleton-Kommunikation kein genuines Produkt von Digitalisierungsprozessen. Bereits im 20. Jahrhundert lassen sich transmediale Trends im ästhetisierten Sprechen über Kunst und Kultur identifizieren. Das literarische Quartett, die Harald Schmidt Show, Deutschlandfunk Kultur (»Das Feuilleton im Radio«) oder das TV- Format Kulturzeit sind prominente Beispiele für eine solche mediale Verbreiterung feuilletonistischer Schreibweisen unabhängig von den Prozessen der Digitalisierung der Gesellschaft und damit auch des Journalismus. Neu ist allerdings, dass sich die grundlegende Struktur feuilletonistischer Kommunikation erweitert hat. Nicht mehr nur die Zeitungs- und Rundfunkredaktionen bestimmen die Agenda, vielmehr sind es einzelne Akteure als RedakteurInnen und AutorInnen, die auch unabhängig von den Redaktionen, für die sie tätig sind, in den Feeds von Twitter, Facebook u.a. einerseits ihre Artikel selbst weiterschreibend diskutieren und andererseits über jene Themen sprechen, die keinen Eingang in den redaktionellen Publikationszusammenhang finden. Hinzu kommen all die verschiedenen Formate, die unabhängig von jedweder Zeitungsredaktion stattfinden: BuchVlogs auf YouTube, Podcasts, das Geschehen auf den verschiedenen Selfpublishing-Plattformen sowie in deren Umfeld und nicht zuletzt die zahlreichen Twitter-, Facebook-, Instagram-UserInnen, denen eine spezifische Rolle als KommentatorInnen und KritikerInnen zukommt.

Diese verschiedenen Erscheinungen, so divers sie in ihren Inhalten und transmedial in ihren Gegenstandsbereichen sein mögen, haben eines gemeinsam: Sie sind auf verschiedene Art und Weise klein. Entweder handelt es sich um maximal 280 Zeichen umfassende Kurztexte, gut kommensurable Interviews und Hörstücke oder kurze Videosequenzen. Aus dem Zusammenspiel dieser unterschiedlichen ›kleinen Formen‹ entsteht, so die eingenommene Perspektive, eine neuartige Gestaltung von Komplexität, die weniger auf Umfang, Autorität und Kontinuität setzt – man denke nur an den über fast zwei Jahre in den Feuilletons geführten Historikerstreit –, sondern auf Agilität, Diskursoffenheit und Aktualität.

Unter dem hier neu einzuführenden Begriff der ›Short Critics‹ möchte der geplante Sammelbanddieses Dispositiv detailliert in den Blick nehmen und exemplarisch feuilletonistische Konzepte der Gegenwart erstmalig untersuchen. Publiziert werden wird der Band 2021 in der Schriftenreihe›MIKROGRAPHIEN / MIKROKOSMEN. Kultur-, literatur- und medienwissenschaftliche Studien‹ im Verlag Königshausen & Neumann Würzburg.

Die Reihe:

Die Konstitution des ›Kleinen‹ muss als die Konstitution derjenigen Zuschreibungen und Entfaltungen gelesen werden, die eine Konzentration von differenten – exemplarischen und singulären – Faktoren hervorbringen. Die Zusammenschau dieser Einzelheiten stellt das Wesentliche minoritärer Ordnungen dar, wobei sich das ›Kleine‹ etwa in Modellen, Miniaturen und Narrationen bildet. Jene drücken dasBegehren aus, Welten herzustellen, die ›funktionieren‹ (Susan Stewart) und die dann interiorsaufrufen: ein Innen/eres im Innen/eren. ›Kleines‹ in dieser Sichtweise zu betrachten, beschreibt eine sowohl mikrographische als auch mikroskopische Perspektive. Deren Grundthese besagt, dass Miniaturisierungen die Gegenüberstellung von Objekt und Repräsentation, von Alltäglichem und Außerordentlichem ermöglichen, wobei der Gedanke des Mikrographischen und Mikroskopischen immer auch die Frage nach der Entstehung derartiger Entsprechungen zwischen scheinbar disparaten Phänomen stellt. Die Schriftenreihe ›MIKROGRAPHIEN / MIKROKOSMEN‹ will jenes ›Kleine‹ und vermeintlich Unscheinbare unter die Lupe nehmen. Ein grundlegender Begriff ist dabei derjenige der›Dimension‹, da er bedingt und gleichermaßen evoziert, ob und wie etwas Kleines wahrgenommen wird. Sowohl Übertreibungen wie Untertreibungen finden nur in Beziehungen statt, Relationalisierungen wiederum führen zu Skalierungen, die Beschreibungen ermöglichen. In der Natur gibt es keine Miniaturen, sondern sie sind Resultat einer (kulturellen und sinnlichen) Manipulation; insofern sind Miniaturen und auch Mikrokosmen Ausdruck anthropozentrischer Konzeption sowie kultureller und historischer Konzeptionen von Standard und Normierung.

Die Reihe wird herausgegeben von Prof. Dr. Oliver Ruf und Prof. Dr. Uta Schaffers.

Einreichungen:

Abstracts (maximal 5.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) plus Beitragsstitel sowie kurze bio- bibliographische Angaben werden bis zum 30.04.2020 erbeten an die beiden Herausgeber:

Prof. Dr. Oliver Ruf, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg – Institut für Medienentwicklung und -analyse,
oliver.ruf@h-brs.de

Christoph H. Winter, Humboldt Universität Berlin – Graduiertenkolleg »Kleine Formen«,
christoph.winter@hu-berlin.de

 

PDF CfP Small Critics

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