Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen

DFG-Graduiertenkolleg 2190

Glosse

Glosse

Der Publizist, Satiriker und Vielschreiber Karl Kraus (1874–1936) hatte eine besondere Vorliebe für kurze Texte. Mit Kommentaren zum politischen Geschehen in Österreich, zur Wiener Tagespresse oder zu Kunst, Kultur und Moral gilt Kraus als prägende Stimme der deutschsprachigen Öffentlichkeit in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. In seiner Zeitschrift Die Fackel (1899–1936) überzog er vor allem die ‚Journaille‘, aber auch den politischen Betrieb mit beißender Kritik.

Foto (1921): Charlotte Joel-Heinzelmann

Mit ihrem Beitrag zur journalistischen Glosse gibt die Germanistin Dariya Manova (HU Berlin) Einblick in eine zentrale Arbeitsweise von Karl Kraus. Seine als ‚Glossen‘ bezeichneten kurzen Kommentare greifen in scharfem Ton auf, was andernorts in der Presse zu lesen war. Kraus selber verstand sich als kritische Gegenstimme zum ‚Hetzjournalismus‘, der sich weniger der Wahrheit und Rechtmäßigkeit als dem Verkaufserfolg verpflichtet fühlte. Seine ‚glossierende‘ Kommentartechnik erlaubte es Kraus, in rascher Folge zahlreiche, oft spöttische Gegenangriffe auf die Wiener Presselandschaft zu fahren.

Dariya Manova zeigt am Beispiel des Textes „Das Paradies der Erpresser“ (Die Fackel, 20. Juli 1910, 12. Jahrgang, 305/306, S. 46 f.), wie Kraus in seinen Glossen gesellschaftliche Missstände klar analysiert und benennt, um sodann deren Absurdität satirisch vor Augen zu führen. Der Beitrag wirft ein Schlaglicht auf die Geschichte der Glosse von ihren Anfängen in der Antike als Hilfsmittel zum Textverständnis, über ihr Fortleben als Wort- oder Sachkommentar in Mittelalter und Früher Neuzeit bis hin zu Karl Kraus, der die Glosse zu einem eigenständigen journalistischen Verfahren ausbaute, um das verhasste schnelllebige Pressegeschehen effizient in seiner moralischen Verkommenheit zu demaskieren.

Dariya Manova ist Literaturwissenschaftlerin und zurzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Dissertation schrieb sie über Rohstoffdiskurse in der Populärliteratur und Presse der Zwischenkriegszeit. Bei ihrer Beschäftigung mit der Narrativierung von Kohle und Erdöl nach dem Ersten Weltkrieg in Tageszeitungen, Wochenblättern, Literaturzeitschriften und Modejournalen stieß sie immer wieder auf die Glosse als kleinem pointierten Kommentar des öffentlichen Geschehens. Zuletzt erschien von ihr:  Abenteuerstoffe, in: Martin von Koppenfels, Manuel Mühlbacher (Hg.): Abenteuer: Erzählmuster, Formprinzip, Genre, Paderborn 2019, 213–235.

Danksagung

Wir danken dem Musiklabel Preiser Records für die freundliche Genehmigung, Ausschnitte aus Karl Kraus’ ‚Lied von der Presse‘ verwenden zu dürfen. Außerdem danken wir dem Austrian Academy Corpus (AAC), besonders den Herausgeber*innen der digitalen Fassung der Fackel, für die Bereitstellung des Bildmaterials.

Literatur

Karl Kraus: Das Paradies der Erpresser, in: Die Fackel, 12 (1910) 305306, 46f.

Karl Kraus: Von der Fruchtabtreibung, in: Die Fackel, 24 (1922) 595, 30.

Walter Benjamin: Karl Kraus, in: ders.: Gesammelte Schriften, Bd. II.1, hg. v. Rolf Tiedemann, Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1977, 334–367.

Forschung

Art. Glosse, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, 16 Bde. in 32 Teilbänden, Leipzig 18541961, Bd. 8, Sp. 210214.

Jens Malte Fischer: Karl Kraus. Der Widersprecher, Biografie, Wien 2020.

Gal Hertz: Die Sprengkraft des Kommentars. Die satirischen Glossen von Karl Kraus, in: Trajekte 31, Oktober 2015, 3942, h. 42.

Ferdinand Himpele: Die Glosse in der deutschen Presse, in: Zeitungswissenschaft, 13 (1938) 8,  509–518.

Ethel Matala de Mazza: Der populäre Pakt. Verhandlungen der Moderne zwischen Operette und Feuilleton, Frankfurt am Main 2018.

Ernst Penzoldt: Lob der kleinen Form, in: Europäische Revue, 17 (1943) 3, 198f. 

Kurt Pinthus: Glosse, Aphorismus, Anekdote, in: März. Eine Wochenschrift, 7 (1913) 19,, 213f.

Wolfgang Pöckl: Glossen als Keimzellen der Philologie, in: Christoph Strosetzki (Hg.): Übersetzung. Ursprung und Zukunft der Philologie, Tübingen 2008, 31–43.

Karl Riha: ‚Heiraten‘ in der „Fackel“. Zu einem Zitat-Typus bei Karl Kraus, in: Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Text + Kritik. Sonderband: Karl Kraus, München 1975, 116–126.

Ernst Rohmer: Die literarische Glosse. Untersuchungen zu Begriffsgeschichte, Funktion und Literarizität einer Textsorte, Erlangen 1988, 46–48.

Anke te Heesen, Juliane Vogel: Herren mit Schere. Ernst Gehrcke und Karl Kraus, in: Jean-Baptiste Joly, Anke te Heesen, Juliane Vogel (Hg.): Papieroperationen. Der Schnitt in die Zeitung, Stuttgart 2004, 30–49.

Anke te Heesen: Der Zeitungsausschnitt. Ein Papierprojekt der Moderne, Frankfurt am Main 2006.

Cornelia Vismann: Karl Kraus: Die Stimme des Gesetzes, in: DVjs, 74 (2000) 4, 710–724.

Juliane Vogel: Materialbeherrschung und Sperrgewalt. Der Herausgeber Karl Kraus, in: Uwe Hebekus, Ingo Stöckmann (Hg.): Das Totalitäre der Klassischen Moderne. Zur Souveränität der Literatur 1900–1933, München 2008, 459–471.

Christian Wagenknecht: Korrektur und Klitterung. Zur Arbeitsweise von Karl Kraus, in: Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Text + Kritik. Sonderband: Karl Kraus. München 1975,  108–115.

Weblinks

Karl Kraus, ‚Das Lied von der Presse‘ (Österreichische Mediathek): https://www.mediathek.at/atom/0D00BFD0-290-0001D-0000943C-0D0040D6

Beispiele aus der Fackel:

Glossen: https://fackel.oeaw.ac.at/index.html?q=399,001

Typographische Finessen 1 (‚Zwiespältigkeit‘): https://fackel.oeaw.ac.at/index.html?q=418,002

Typographische Finessen 2 (Unterbrechung der Reklame durch Politik):

https://fackel.oeaw.ac.at/index.html?q=399,020

Typographische Finessen 3 (Annoncen):

https://fackel.oeaw.ac.at/index.html?q=399,030

← zurück