Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen

DFG-Graduiertenkolleg 2190

Philip Kraut: Philologie des Extremen. Zum Zusammenspiel von Textkritik und Hermeneutik am Beispiel von Arbeitsmaterialien und Briefwechseln der Brüder Grimm

Vortrag

18/05/2018

14:00 Uhr

Philip Kraut: Philologie des Extremen. Zum Zusammenspiel von Textkritik und Hermeneutik am Beispiel von Arbeitsmaterialien und Briefwechseln der Brüder Grimm

Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin

Forschungskolloquium des Anneliese-Maier-Forschungsprojekts „Edition Practices” unter der Leitung von Glenn W. Most

Textverständnis und Textkonstitution gehen in der editorischen Praxis Hand in Hand. Was zunächst trivial klingt, stellt sich bei genauerer Betrachtung als eines der großen Problemfelder der philologischen Wissensgeschichte dar. In der Form eines Werkstattgesprächs soll der doppelte Boden der edition practices der Grimm-Zeit ausgelotet werden. Heutige Wissenschaftshistoriker*innen befinden sich gegenüber den Philologen des 19. Jahrhunderts in einer Beobachterposition zweiter Ordnung: Editoren edieren Editoren. Korrekte Texte herzustellen bedeutet, Inhalte und Kontexte genau zu verstehen, woraus eine starke Abhängigkeit zwischen ediertem Text und Sachkommentar-Arbeit resultiert. Anhand von zwei Materialgruppen aus dem wissenschaftlichen Nachlass der Brüder Grimm sollen diese Aspekte erläutert werden: an einem Brief von Hermann Ludwig Behn an Jacob Grimm, der Behns Transkription des Hamburger Waltharius-Fragments enthält, sowie an einem philologischen Belegstellenheft Jacob Grimms, bei dem ein bisher unbekannter Aufsatzentwurf Grimms überliefert ist. Begleitende Notizzettel, kaum zu lesen, noch schwieriger zu edieren, zeigen dabei den Kern von Grimms philologischer Praxis: die „notwendige Richtung aufs Extreme” (Walter Benjamin).

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