Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen

DFG-Graduiertenkolleg 2190

Zitat, Variante, Notiz: Um-schreiben als sammelnde Textpraxis

Zitat, Variante, Notiz: Um-schreiben als sammelnde Textpraxis
31. Oktober 2018 Florian Glück

Zitat, Variante, Notiz: Um-schreiben als sammelnde Textpraxis

Symposium am Institut für deutsche Literatur, Humboldt-Universität zu Berlin, 9.-10. November 2018

In der Zusammenstellung von Texten in Anthologien, Zyklen oder Nachschlagewerken entstehen Sammlungen, deren Sammlungscharakter offensichtlich ist. Die spezifische Art und Weise ihrer Sammlung und ihre Funktionsweise werden nicht selten explizit thematisiert – beispielsweise in paratextlichen Elementen, die eine Sammlung rahmen. So liefert Erich Kästner im Vorwort seiner Lyrischen Hausapotheke eine „Gebrauchsanweisung“ für gedichtete Heilmittel; Ludwig Wittgenstein bezeichnet die Philosophischen Untersuchungen im Vorwort als Album, in dem die Überlegungen wie einzelne, auf „langen verwickelten Fahrten“ entstandene Landschaftsskizzen präsentiert werden.

Außer diesen offenkundigen Textsammlungen gibt es Texte, deren Sammlungscharakter sich – wie im Falle der Homerischen Epen – erst un- ter Voraussetzung eines spezifischen Kontext- wissens oder in einer spezifischen Perspektive erschließt.

Die Tagung Zitat, Variante, Notiz: Um-schreiben als sammelnde Textpraxis möchte eine solche spezifische Perspektive einnehmen. Ausgangspunkt ist die ebenso einfache wie folgenreiche Einsicht, dass Texte keine statischen Gebilde sind, sondern sich durch eine beständige Genese des Umschreibens auszeichnen. Die Textgenese des Ab-, Über- und Umschreibens kann dabei durchaus als Palimpsest oder als Umschrift verstanden werden, die am Rande eines Manu- oder Typoskripts notiert und, wie im Fall von Montaignes „Exemplaire de Bordeaux“ der Essais, als ornamentale Rahmung des gedruckten Textes erscheint.

Kein Text beginnt bei Null – jeder Text knüpft an frühere Texte an, entsteht in einem Prozess des Abschreibens, Kopierens, Notierens, Strei- chens, Variierens. Auf der Tagung soll es darum gehen, diese Textgenese als Ausdruck einer sammelnden Textpraxis zu erfassen. Diese Perspektive freilich bleibt nicht ohne Folgen für die Vorstellung der „Einheit“ oder „Ganzheit“ eines Textes bzw. Werkes.

Informationen zum Programmablauf finden Sie hier.

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