Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen

DFG-Graduiertenkolleg 2190

Herkunft erzählt, Herkunft aufgezählt. Die Poetologie der Liste in Saša Stanišićs „Herkunft“

Herkunft erzählt, Herkunft aufgezählt. Die Poetologie der Liste in Saša Stanišićs „Herkunft“

Auf den ersten Blick scheinen Listen, Aufzählungen, Tabellen unliterarischer Natur zu sein und doch ist die Literatur geradezu voll von ihnen. Katharina Richter nimmt sich in ihrem Vortrag einen ganz spezifischen Listenkomplex vor: Die Poetologie der Liste in Saša Stanišićs Herkunft. Mit Herkunft gewann Stanišić 2019 den Deutschen Buchpreis und erfuhr eine breite Rezeption. Das stanišić’sche Werk wurde seit jeher intensiv aus der interkulturellen Perspektive erforscht – dabei ist der Blick auf die experimentierfreudige und innovative Werkästhetik manchmal ins Hintertreffen geraten. Diese sehr individuelle Ästhetik steht nun im Mittelpunkt in Katharina Richters Vortrag und wird exemplarisch an Stanišićs Spiel mit dem Enumerativen vorgeführt. 

Katharina Richter, Podcastredakteurin und studentische Hilfskraft am GrK Kleine Formen, hielt ihren Vortrag „Herkunft erzählt. Herkunft aufgezählt […] auf der DINGS, der ersten Digitalen Internationalen Germanistischen Studierendentagung im April 2021. Der Vortrag wurde für diese Folge noch einmal als Hörstück aufbereitet und musikalisch untermalt.

© Katja Sämann

Herkunft ist ein autofiktionales, grenzüberschreitendes Buchprojekt, das jede klare Gattungszuordnung verweigert. Der autofiktionale Erzähler „Stanišić“ erinnert wesentliche autobiografische Stationen: Seine Kindheit in Višegrad, die Flucht vor dem Jugoslawienkrieg und das Ankommen in Deutschland.

Nach einer kurzen Einführung in dieses vielschichtige Werk, versucht Katharina Richter die Besonderheiten literarischer Listen anschauulich zu machen, indem sie eine theoretische Einordnung vornimmt. Listen funktionieren in literarischen Texten ganz anders, als in unserem alltäglichen Gebrauch, denn sie fordern eine besondere Rezeptionsleistung der Lesenden ein. Wie die ästhetische Wirkmacht literarischer Listen im Einzelnen aussehen kann, wird im Hauptteil anhand von Fallbeispiele aus Herkunft diskutiert. 

Listen werden in Herkunft vielfältig eingesetzt:

  • Sie veranschaulichen den Drang des autofiktionalen Erzählers nach Fortsetzung, einem nie Enden wollen im Aneinanderreihen von Geschichten.
  • Sie befeuern das autofiktionale Spiel des Erzählers, indem Listen als Dokumente zur Realitätsbeglaubigung herangezogen werden.
  • Sie werden zur Möglichkeit, Gewinne und Verluste auszudrücken. 

Im Anschluss an den Vortrag folgt ein Interview mit Jana Schräder-Grau, einer der Organisator:innen der DINGS. Sie erläutert, wie es zu der Idee für diese Tagung kam, welche Ziele sich das Team gesetzt hat und wie zufrieden sie mit dem Ergebnis dieses besonderen Events sind. Nicht zuletzt verrät uns Jana Schräder-Grau erste Pläne über die Zukunft der DINGS.

Bei Fragen, Anmerkungen oder Kritik melden Sie sich gerne direkt bei Katharina Richter unter richtkat[at]student.hu-berlin.de

 

Listen aus Herkunft

  • „Herkunft ist“-Liste: Im Podcastbeitrag konnte nur eine leicht gekürzte Fassung vorgestellt werden. Die vollständige Fassung finden Sie in Herkunft auf S. 66f.
  • „Das ist ein Fazit“-Liste: S. 221f.
  • Vokabelliste: S. 141
  • Großvater-Liste: S. 107f.
  • „Hier ist eine Reihe von Dingen, die ich hatte“: S. 11f. und S. 17f.
  • Ahneninventur: S. 46ff.

 

Literaturnachweise

Saša Stanišić: Herkunft, Luchterhand: München 2019. 

Eva von Contzen: Grenzfälle des Erzählens: Die Liste als einfache Form, in: Komplexität und Einfachheit, hrsg. v. Albrecht Koschorke, Stuttgart 2017, 221–239.

Robert Belknap: The Literary List: A Survey of its Uses and Deployments, in: Literary Imagination 2 (2000), H. 1, 35–54. 

Eco, Umberto: Die unendliche Liste. München 2011.

Derlin, Katharina/Krumrey, Birgitta/Vogler, Ingo: Realitätseffekte in derdeutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Schreibweisen nach der Postmoderne? Heidelberg 2014.

Pierre Nora: Zwischen Geschichte und Gedächtnis, Frankfurt a. M. 1998.

 

Credits

Text:
Katharina Richter

Aufnahme und Schnitt:
Markus Neeb und Katharina Richter 

Moderation:
Felix Lindner 

Zitate:
Johannes Spengler

Interview:
Katharina Richter mit Jana Schräder-Grau 

Redaktion und Produktion:
Katharina Richter

Musik:
Emina, trad. bosnische Sevdalinka
Gitarre: Markus Neeb, Geige: Katharina Richter

Elektro-Tracks (CC-Lizenz):
Alle Tracks stammen aus dem Free Music Archive:

Bio Unit: Aerostat, Chase
Xylo Ziko: Last Light
Serge Quadrado: Innovation

Jingles:
Michael Hoeldke

Station Voice:
Cathrin Bonhoff

 

Bildnachweise

A old inventory listing written in german, Denny Müller, URL: https://unsplash.com/photos/jLjfAWwHdB8 (freie Nutzung unter Unsplash-License) [abgerufen am 03. August 2021)

Play with UV light, Pietro Jeng, URL: https://unsplash.com/photos/n6B49lTx7NM (freie Nutzung unter Unsplash-License) [abgerufen am 03. August 2021).

Stanisic 1, © Katja Sämann, freundlicher Weise zur Verfügung gestellt durch den Luchterhand-Verlag.

Stanisic 3, © Katja Sämann, freundlicher Weise zur Verfügung gestellt durch den Luchterhand-Verlag.

Stanisic Großeltern, © Katja Sämann, freundlicher Weise zur Verfügung gestellt durch den Luchterhand-Verlag.

 

Danksagung

Ein besonderer Dank gilt…

…der Presseabteilung des Luchterhand-Verlags, die uns das Grafikmaterial zu Saša Stanišić zu Verfügung stellte.

…Jana Schräder-Grau für die Einwilligung in ein Interview mit unserem Podcast

…Markus Neeb für das Arrangement und die Musik zur bosnischen Sevdalinka Emina.

Allen, die an dieser Folge tatkräftig mitgewirkt haben.

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