Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen

DFG-Graduiertenkolleg 2190

Wie man einen geplatzten Granatapfel wieder zusammensetzt

Wie man einen geplatzten Granatapfel wieder zusammensetzt

In dieser Episode

Kurzfassung

Wie löst man die kleinen, roten, saftig-süßen Granatapfelkernchen aus ihrer Haut, ohne sich dabei die Hände schmutzig zu machen?

Während das Internet für lebensweltliche Fragen wie diese eine große Bandbreite an Antworten parat hält – von der Wasserschale bis zum Hammer –, stellte sich den PodcastredakteurInnen Steffen Bodenmiller, Marie Czarnikow und Florenz Gilly bei der Arbeit am Bericht zur Jahrestagung des Graduiertenkollegs Kleine Formen“ das umgekehrte Problem: Sie sollten einen Granatapfel, der geplatzt war und seine Kerne überall im Raum verteilt hatte, wieder zusammensetzen. Als die TeilnehmerInnen der Tagung Ende Januar 2019 im Zwischengeschoss der Berliner Humboldt-Universität vortrugen und miteinander diskutierten, war es nämlich so, als wäre ein Granatapfel auseinander gegangen: So viele gute Gedanken, Anregungen und Fäden, die es sich gelohnt hätte, wieder aufzunehmen und weiter zu denken.

Gemäß dem Titel kleiner werden. Verfahren und Techniken der Ökonomisierung kleiner Formen“ standen auf der Konferenz des Graduiertenkollegs, bei der WissenschaftlerInnen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA zu Gast waren, weder statische Kategorien noch quantitative Größenbestimmungen im Zentrum des Interesses, sondern solche dynamischen Prozesse, Operationen und Verfahren, aus denen die ursprünglich größere Form als kleinere hervorgeht. Anstatt also zu fragen: „Was – oder wie klein – ist klein?“ Oder: „Wie ist seine Form beschaffen?“ fragten sich die KollegiatInnen und mit ihnen die Vortragenden und andere Gäste: „Wie wird das Kleine klein?“ Und: „Wie wird das Kleine Form?“

Die Episode fasst die Vorträge und Debatten der Jahrestagung in möglichst kondensierter Form zusammen. Strukturiert ist der Beitrag nach den vier grundlegenden Operationen, die bei der Genese kleiner Formen am Werk sind: Selektion, Reduktion, Transposition und Verdichtung. Trotz der Mannigfaltigkeit der besprochenen Kleinformen, die sich nur schwer auf einen Nenner bringen lassen, versuchen wir in einem letzten Schritt eine Synthese aus allen Vorträgen. Es zeigt sich: Prozesse des Verkleinerns, so unscheinbar sie auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, haben viel mit Politik zu tun.

Mit Beiträgen von Hendrik Blumentrath, Marie Czarnikow, Verena Dolle, Florian Fuchs, Anke te Heesen, Volker Hess, Christoph Hoffmann, Sabine Mainberger, Marie Milutat, Moritz Rauchhaus, Jasper Schagerl, Stephan Strunz, Anton Tantner, Juliane Vogel und Nikolaus Wegmann.

Ein Transkript des Tagungsberichts können Sie hier als pdf herunterladenNoch in diesem Jahr soll bei de Gruyter ein Sammelband zur Jahrestagung erscheinen.

Empfohlene Zitierweise

Bodenmiller, Steffen, Marie Czarnikow und Florenz Gilly: Wie man einen geplatzten Granatapfel wieder zusammensetzt [Bericht zur Tagung „kleiner werden. Verfahren und Techniken der Ökonomisierung kleiner Formen“, 28.-31. Januar 2019, Humboldt-Universität zu Berlin], zu hören bei: microform – Dem Podcast des DFG-Graduiertenkollegs 2190 „Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen“, Berlin 2019, URL: www.kleine-formen.de/granatapfel [Datum des letzten Abrufs].

 

Bibliographie

Erwähnte Titel

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Johann Gottfried Herder, „Nemesis. Ein lehrendes Sinnbild“, in: Johann Gottfried Herder. Werke in zehn Bänden, hg. von Günter Arnold u. a., Frankfurt/M. 1984–2000, Bd. 4: Schriften zu Philosophie, Literatur, Kunst und Altertum 1774-1787, S. 551-578.

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Weiterführende Literatur

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